Ziegenschau in Ober-Bessingen

In meiner Kindheit und Jugend hatten wir eine Ziege. Es war eine weiße deutsche Edelziege. An ihr habe ich ein wenig melken gelernt, aber sie ließ es nur zu, solange mein Vater sie festhielt. Die Milch bekamen meine Schwester und ich vor der Schule als heißen Kakao. Pur haben wir sie verweigert. Dabei schmeckte sie erheblich besser als die der Nachbarn, wo die Tiere fest angebunden war. Unsere konnte sich frei bewegen. Neugierig probierte ich daher das Speiseeis am Stand vom Ziegenhof Bretthauer aus Wächtersbach-Oberleisenberg und war höchst überrascht. Es schmeckte sehr gut und überhaupt nicht nach Ziege. Der Grund: Die moderne Milch-Hygiene.

Die 20 Aussteller, die ihre Tiere auf der Fläche des Bauern Stoll aus Ober-Bessingen präsentierten, kamen zwar überwiegend aus Hessen, doch es waren auch Züchter aus Bayern, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein dabei mit insgesamt 106 Tieren. Gezeigt wurden Weiße und Bunte Deutsche Edelziegen, Buren- und Pfauenziegen, und als Besonderheit Walliser Schwarzhalsziegen. Bei diesen üblicherweise schwarz-weißen Tieren gibt es auch die seltene Farbvariante Kupferhals. Diese Tiere werden vor allem in der Landschaftspflege eingesetzt.

Den ersten Preis in der Gruppenschau belegte Prof. Dietrich Steffens aus Lang Göns mit einem Trio der Weißen Deutschen Edelziege.
Die Wettbewerbstiere wurden aufgrund züchterischer Merkmale und der jeweiligen Rassestandards beurteilt. Im Mittelpunkt standen dabei Körperbau, Rahmen, Fundament und die Harmonie des gesamten Tieres. Bei den Milchziegen spielte zudem die Euterqualität eine wichtige Rolle, während bei der Burenziege als Fleischrasse insbesondere die Bemuskelung und der Körperbau von Bedeutung waren.

Ziegen sind nicht nur hübsch, sondern auch intelligent und neugierig. Deshalb mag ich sie. Mein Vater hatte einen anderen Grund: In den 1960er Jahren hieß es noch, sie könnten keine Tuberkulose und Brucellose bekommen. Tuberkulose können sie kriegen, aber das mit der Brucellose stimmt. Und das war schon wichtig, als man noch an vielen Kuhställen die Schilder fand „Tuberkulose- und Brucellosefreier Rinderbestand“. Das bedeutete nämlich, dass es für viele Rinderbestände nicht zutraf.

Theorie und Praxis sind bekanntlich zweierlei. Ich studierte schon, als unsere letzte Ziege geschlachtet wurde. Natürlich wusste ich, dass sie Wiederkäuer sind und einen großen Magen haben. Ich bat meine Mutter um die vier Mägen, um sie zu untersuchen und zu zeichnen. Was sie mir dann in einer 80l-Zinkwanne präsentierte, haute mich erstmal um. Die Wanne war komplett ausgefüllt. Nachdem ich alles gereinigt hatte und mit meinen Untersuchungen fertig war, wollte sie die Mägen wiederhaben. „Mir war das ja immer zu viel Arbeit, aber jetzt, wo du alles so schön sauber gemacht hast, kann ich sie ja auch zubereiten.“

Fotos Eveline Renell

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